Wie aus einem Uni-Lehrstuhl in Siegen ein 57-Millionen-Euro-Quantencomputer-Startup wurde

Kategorie:

Wenn von Quantencomputer-Forschung die Rede ist, denken die meisten zuerst an Kalifornien oder New York. IBM, Google, IonQ, alles USA. Was viele nicht auf dem Schirm haben: Einer der frühen Quantencomputer weltweit stand nicht in einem Silicon-Valley-Campus. Er stand in Siegen, Nordrhein-Westfalen. Aus genau diesem Lehrstuhl ist inzwischen ein Unternehmen geworden. Es hat gerade eine der größten Series-A-Finanzierungen der ganzen Quantencomputing-Branche eingesammelt.

Der Lehrstuhl, der auf Mikrowellen statt Laser setzt

Am Lehrstuhl für Experimentelle Quantenoptik der Universität Siegen, geleitet von Prof. Dr. Christof Wunderlich, wird seit Jahren an Ionenfallen-Quantencomputern geforscht. Die Grundidee bei Ionenfallen: Man nimmt einzelne, elektromagnetisch eingefangene Atome und nutzt sie als Qubits. Das machen auch andere, etwa IonQ oder Quantinuum. Der Unterschied liegt in der Steuerung. Die meisten Ionenfallen-Systeme steuern ihre Qubits mit hochpräzisen Lasern. Wunderlichs Gruppe hat stattdessen ein eigenes Verfahren entwickelt, das sogenannte MAGIC-Prinzip (Magnetic Gradient Induced Coupling). Dabei kommt kommerziell verfügbare Hochfrequenz- und Mikrowellentechnik zum Einsatz statt Laseroptik. Das gilt als robuster und potenziell besser skalierbar. Der Grund: Man muss sich nicht auf die extreme Präzision optischer Systeme verlassen (Uni Siegen).

2010 nahm die Gruppe nach übereinstimmenden Quellen den ersten deutschen Quantencomputer auf Basis dieses Prinzips in Betrieb. Es war ein System für bis zu acht Ionen gleichzeitig. Kleine Laborskala, kein Produktivsystem, aber ein bemerkenswert früher Meilenstein. An einer Stelle taucht in uni-eigenen Quellen auch das Jahr 2013 auf. Das dürfte sich eher auf einen späteren Ausbauschritt beziehen. Für den Kern der Geschichte reicht: um 2010 stand in Siegen einer der ersten Quantencomputer Deutschlands.

Die Ausgründung: eleQtron

Am 12. Mai 2020 wurde aus der Forschung ein Unternehmen. eleQtron wurde von Jan Leisse (CEO), Dr. Michael Johanning (CTO) und weiteren gegründet, mit Wunderlich selbst als wissenschaftlichem Mitgründer. Ziel war es, das MAGIC-Prinzip aus dem Labor in ein verkaufbares Produkt zu bringen (eleqtron.com). Positionierung von Anfang an: eine Alternative zu supraleitenden Systemen wie denen von IBM oder Google. Der Vorteil laut eleQtron: kompakter und energieeffizienter, weil ohne die aufwendige Laseroptik.

Das Wachstum seitdem ist beachtlich. Ende 2021 hatte eleQtron fünf Mitarbeiter. Juni 2024 waren es 55. Aktuell sind es über 90, aus rund 15 bis 19 verschiedenen Nationen. Sie verteilen sich auf den Hauptsitz Siegen und einen zweiten Standort in Hamburg seit 2023 (humanresourcesmanager.de).

Bei der Finanzierung ging es ähnlich steil: 2022 gab es eine Seed-Runde über 16 Millionen Euro unter Führung von Earlybird VC. Im Mai 2026 folgte dann eine Series A über 57 Millionen Euro, angeführt von Schwarz Digits, der Digitalsparte der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland). Weitere Investoren waren unter anderem der EIC Fund, Earlybird erneut, Ankaa Ventures und die Förderbanken NRW.BANK und IFB Hamburg. Laut eigener Darstellung eine der größten Series-A-Runden weltweit im Quantencomputing-Sektor (eleQtron Pressemitteilung, NRW.BANK). Schon vor Abschluss der Runde standen über 54 Millionen Euro an Bestellungen im Buch. Darunter waren unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und das Forschungszentrum Jülich (Siegener Zeitung). 2025 kam noch die Auszeichnung als World Economic Forum Technology Pioneer dazu.

Ein wichtiges Projekt am Standort ist zudem EPIQ, eine Entwicklungspartnerschaft mit dem Jülich Supercomputing Centre, gefördert mit rund 21 Millionen Euro über viereinhalb Jahre. Ziel ist ein serienreifer Rechner mit bis zu 60 gatterbasierten Qubits im Jülicher JUNIQ-Betrieb (Uni Siegen).

„Wachstum ist auch schmerzhaft“

Was den Fall interessant macht, ist nicht nur die Erfolgsgeschichte, sondern dass eleQtron sie selbst nicht unkritisch erzählt. In einem Interview mit dem Human Resources Manager äußerte sich CEO Jan Leisse offen. Er sagte: „Wachstum ist schon auch immer eine schmerzhafte Sache. Ich glaube, manchmal ist weniger mehr.“ Der Hintergrund: Ionenfallen-Fachleute gibt es weltweit nur wenige, die Rekrutierung ist entsprechend zäh. Dazu kam die Umstellung von einzelnen Forschern auf echte Teamarbeit über zwei Standorte und fast 20 Nationalitäten hinweg, die nicht reibungslos lief (humanresourcesmanager.de). Das ist eine ungewöhnlich ehrliche Aussage für ein Unternehmen mitten in einer gefeierten Finanzierungsrunde. Genau deshalb gehört sie in diesen Artikel.

Wie relevant ist eleQtron wirklich?

Hier lohnt sich Klarheit statt Euphorie. eleQtron ist unbestritten das einzige deutsche Startup, das eigene Quantencomputer-Hardware baut und dabei direkt auf einer Uni-Eigenentwicklung aufsetzt. Das MAGIC-Prinzip gibt es so nirgendwo sonst. Mit rund 90 Mitarbeitern und 57 Millionen Euro frischem Kapital ist das Unternehmen ein ernstzunehmendes, wachsendes Scale-up. Aber: Weder nach eigenen noch nach Presseangaben spielt eleQtron aktuell in derselben Liga wie IBM, Google oder IonQ. Das gilt weder bei Qubit-Zahlen noch bei kommerzieller Reife. Die Handelsblatt-Überschrift „will Google Konkurrenz machen“ ist journalistische Zuspitzung. Das Unternehmen selbst spricht eher von einer alternativen technischen Route, die sich langfristig als besser skalierbar erweisen könnte, nicht davon, morgen an Google vorbeizuziehen (Handelsblatt).

Was bleibt: eine deutsche Erfolgsgeschichte mit echtem wissenschaftlichem Fundament und ausreichend Kapital für die nächsten Jahre. Dazu kommt eine selbstkritische Führung, die nicht alles schönredet. Für alle, die deutsche Quantencomputer-Forschung abseits der US-Big-Player im Auge behalten wollen, lohnt sich der Blick nach Siegen. Aktuell ist es einer der spannendsten Orte im Land. Wie eleQtron im Vergleich zu IBM, Google und den anderen großen Namen dasteht, zeigt die Hersteller-Übersicht dieser Seite.

Quellen und weiterführende Links: Uni Siegen: Der erste Quantencomputer steht in Siegen · Uni Siegen: Ein Quanten-Supercomputer made in NRW · Uni Siegen: Quantencomputer-Entwickler machen gemeinsame Sache · Uni Siegen Alumni: Gründerporträt eleQtron · Lehrstuhl Quantenoptik Uni Siegen · eleqtron.com · eleqtron.com/unternehmen/ · eleQtron Pressemitteilung Series A · NRW.BANK Pressemitteilung zur eleQtron-Investition · trendingtopics.eu zur 57-Mio-Runde · Siegener Zeitung: 57 Millionen Euro für Siegener Start-up · Handelsblatt: Eleqtron will Google Konkurrenz machen · Handelsblatt: Schwarz-Gruppe investiert in eleQtron · Tagesspiegel Background: Habeck und der Hoffnungsträger aus Siegen · Human Resources Manager: Quantencomputing aus Siegen · Riffreporter: Besuch beim deutschen Start-up EleQtron · Passion4Tech: eleQtron mit Quanten gegen IBM und Google · startupmag.de: eleQtron

qbit