Ionenfallen: Wie IonQ, Quantinuum und eleQtron mit echten Atomen rechnen

Ionenfallen-Chip am NIST
Ionenfallen-Chip am NIST. Bild: Y. Colombe/NIST (gemeinfrei, Werk der US-Bundesregierung).

Ionenfallen sind einer der sechs Bauweisen für einen Quantencomputer auf dieser Seite: Statt eines künstlichen Schaltkreises werden hier echte, natürlich vorkommende Atome benutzt, der Ansatz hinter IonQ, Quantinuum und dem Siegener Unternehmen eleQtron. Man nimmt einzelne Atome, entfernt ihnen ein Elektron, wodurch sie elektrisch geladen und damit zu Ionen werden, und hält sie dann mit elektromagnetischen Feldern in der Schwebe, meist wenige Mikrometer über einem Chip oder entlang einer linearen Falle. Mit Lasern werden die Ionen fast bis zum absoluten Nullpunkt heruntergekühlt, damit ihre Bewegung möglichst ruhig ist. Zwei innere Energiezustände jedes Ions, etwa zwei unterschiedliche Elektronenkonfigurationen, dienen als „0“ und „1“ des Qubits.

Der entscheidende Trick, damit zwei Ionen miteinander rechnen können: Alle Ionen in der Falle sind über ihre gemeinsame Bewegung miteinander gekoppelt, ähnlich wie Perlen auf einer gespannten Feder, bewegt sich eine, spürt das im Prinzip die ganze Kette. Gezielte Laser- oder Mikrowellenpulse regen genau diese gemeinsame Schwingung an und nutzen sie als eine Art Datenbus, über den sich beliebige zwei Ionen in der Kette verschränken lassen.

Was diesen Ansatz von den anderen unterscheidet

Ionenfallen nutzen echte Naturatome statt gefertigter Schaltkreise wie bei supraleitenden Systemen. Ein Vorteil, der sich direkt daraus ergibt: Zwei Ionen desselben Isotops, etwa zwei ¹³⁷Ba⁺-Ionen, sind physikalisch exakt identisch, es gibt keine Fertigungsstreuung wie bei supraleitenden Chips. Über den gemeinsamen Bewegungsbus sind zudem praktisch alle Ionen direkt miteinander koppelbar (All-to-all-Konnektivität), während supraleitende Qubits nur mit ihren unmittelbaren Nachbarn im Chip-Gitter verbunden sind. Mehr zur Einordnung aller sechs Bauweisen steht auf der Vergleichsseite und im Grundlagenartikel Was ist eigentlich ein Qubit?

Geschichte

Den theoretischen Grundstein legten 1995 Ignacio Cirac und Peter Zoller mit einem Vorschlag, wie sich ein CNOT-Gatter, eine der Grundoperationen jedes Quantencomputers, zwischen zwei gefangenen Ionen über eine gemeinsame Schwingungsmode als Quantenbus realisieren ließe. Im selben Jahr demonstrierte ein Team am NIST unter David Wineland die Grundelemente experimentell und realisierte das erste Quantenlogikgatter überhaupt in irgendeinem physikalischen System, ein kontrolliertes NOT zwischen dem inneren und dem Bewegungszustand eines einzelnen gefangenen ⁹Be⁺-Ions. Das markiert praktisch den Beginn des experimentellen Quantencomputings insgesamt und etablierte Ionenfallen von Anfang an als eine der führenden Plattformen.

2010 ging an der Universität Siegen unter Prof. Christof Wunderlich der erste deutsche Quantencomputer in Betrieb, ein Ionenfallen-System nach dem selbst entwickelten MAGIC-Prinzip, das Ionen über Mikrowellen statt Laser steuert. Die ganze Geschichte dahinter steht ausführlich im eigenen Artikel dazu. 2015 gründeten Christopher Monroe (Universität Maryland) und Jungsang Kim (Duke University) das Unternehmen IonQ, aufbauend auf über 30 Jahren akademischer Ionenfallen-Forschung an beiden Universitäten, 2021 wurde IonQ das weltweit erste börsennotierte reine Quantencomputing-Unternehmen. 2020 entstand eleQtron als Ausgründung des Siegener Lehrstuhls, um das MAGIC-Prinzip kommerziell zu skalieren. Und 2021 fusionierten Honeywell Quantum Solutions und Cambridge Quantum zu Quantinuum, das seither Honeywells Ionenfallen-Hardware mit Cambridge Quantums Software verbindet.

Stärken und Schwächen, ehrlich

Ionenfallen liefern die höchsten Gate-Fidelities am ganzen Markt, Quantinuum Helios erreicht 99,9975 Prozent Ein-Qubit- und 99,921 Prozent Zwei-Qubit-Fidelity. Dazu kommen lange Kohärenzzeiten, native All-to-all-Konnektivität ohne starres Gitter und keine Fertigungsstreuung, weil Ionen von Natur aus identisch sind.

Der Preis dafür sind deutlich langsamere Gatteroperationen, Mikrosekunden statt Nanosekunden bei supraleitenden Systemen. Die Skalierung wird komplizierter, sobald mehr Ionen in einer Kette gefangen werden: Mit wachsender Ionenzahl steigt die Zahl der gemeinsamen Bewegungsmoden, was zu Übersprechen zwischen den Moden und damit zu Gatterfehlern führen kann. Eine Möglichkeit dagegen ist, sich auf eine einzelne Bewegungsmode zu beschränken, was die Gatter aber wiederum verlangsamt. Je mehr Ionen individuell mit Lasern angesteuert werden müssen, desto schwieriger wird zudem die präzise Einzeladressierung, was die Gatterqualität in der Praxis senkt. Laserbasierte Gatter brauchen technisch anspruchsvolle, sehr schmalbandige und leistungsstabile Laser, mikrowellenbasierte Steuerung wie beim Siegener MAGIC-Prinzip umgeht das, ist aber ein noch jüngerer, weniger verbreiteter Weg.

Aktueller Stand 2026

IonQ Forte kommt mit 36 Qubits, 99,6 Prozent Zwei-Qubit-Fidelity und All-to-all-Konnektivität, der Nachfolger IonQ Tempo mit 100 Qubits ist für Ende 2026 angekündigt. Quantinuum Helios bietet seit November 2025 98 all-to-all-verbundene Qubits, seit März 2026 auch als Vor-Ort-Installation in Singapur. eleQtron setzt weiter auf das MAGIC-Prinzip und hat im Mai 2026 eine Series-A-Finanzierung über 57 Millionen Euro abgeschlossen, bei einem Auftragsvolumen von über 54 Millionen Euro unter anderem vom DLR und dem Forschungszentrum Jülich. Volle Details dazu im Uni-Siegen-Artikel, weitere Einordnung auf der Hersteller-Übersicht.

Kurz gesagt

Ionenfallen nutzen echte, elektromagnetisch gefangene Atome statt gefertigter Schaltkreise, gesteuert per Laser oder, wie bei eleQtron, per Mikrowellen. Der Ansatz liefert die höchsten Genauigkeiten und die beste Konnektivität aller sechs Bauweisen, weil jedes Ion mit jedem anderen verschränkt werden kann. Bezahlt wird das mit deutlich langsameren Gattern und einer Skalierung, die mit wachsender Ionenzahl technisch anspruchsvoller wird.

Quellen und weiterführende Links: Postquantum: Trapped-Ion Quantum Computing · NIST/Wineland: Architecture for a large-scale ion-trap quantum computer (Nature 417) · Berkeley Review: Quantum computing with trapped ions · Scaling Trapped Ion Quantum Computers Using Fast Gates and Microtraps (arXiv:1711.05875) · IonQ-Blog: The Birth of Quantum Computers · Wikipedia: IonQ · Honeywell-Pressemitteilung zur Quantinuum-Fusion · Wikipedia: Quantinuum · IonQ Forte Produktseite · Quantinuum: Introducing Helios